Ich wollte doch nur nach Hause

Es ist eisigkalt und ich kann meine Hände kaum mehr spüren. Sie umklammern den Lenker meines Fahrrades. Es kommt mir vor als würden tausende von Nadeln auf meine Hände einstechen. Meine Nase spüre ich schon fast nicht mehr und meine Augen brennen. Vor Schmerzen kommen mir Tränen aus den Augen. Die Luft ist so kalt, dass meine Lunge schmerzt. Ich kann kaum atmen, aber ich muss atmen. Immer weiter atmen. Es ist dunkel. Ich kann kaum etwas sehen. Meine kleine Lampe an meinem Fahrrad leuchtet mir nur eine kurze Wegstrecke voraus, doch sonst sehe ich nichts. Ich sehe nicht was weit vor mir kommt, ich sehe nicht was hinter mir liegt, ich kann nichts rechts und nichts links von mir wahrnehmen. Es ist dunkel, es ist eisig, ich fahre aus der endlosen Dunkelheit in die Dunkelheit. Wie weit noch? Ich weiß es nicht. Ich bin den Weg schon oft gefahren, doch heute kommt er mir lang vor. Viel länger als gewöhnlich. Liegt es an der Dunkelheit? Bei Nacht bin ich den Weg noch nie gefahren. Vielleicht liegt es an der Dunkelheit. Doch ich fahre schneller als sonst. Viel schneller. Ich rase durch die tiefdunkle Nacht. Ich flüchte vor dem Nichts hinter mir und versuche das Nichts vor mir schnellstmöglich zu passieren. Es kratzt in meiner Brust. Ich keuche. Es ist so bitterkalt. Ich hätte auch über Nacht bleiben können. Ich hätte warten können bis es hell ist. Ich hätte es jetzt warm, ich müsste nicht alleine durch die eisige dunkle Nacht rasen, aber ich wollte nach Hause. Ich wollte in mein Bett. In mein Zimmer. In mein gewohntes Zuhause. Ich wollte einfach nicht dort bleiben. Dort wäre es vielleicht nicht so bequem wie zu Hause, aber doch wesentlich bequemer als hier gewesen. Ich überlege umzukehren. Wie weit bin ich schon gefahren? Ist es weiter zurück oder weiter nach Hause. Ich weiß es nicht? Ich sehe nichts. Ich habe Angst umzukehren. Es ist unheimlich. Alles was hinter mir liegt ist unheimlich und was vor mir liegt, das weiß ich nicht. Mit jedem Meter den ich fahre weiß ich, dass es auch hier unheimlich ist, aber ich kann nicht umkehren. Ich fahre weiter. Ich trete noch schneller, noch mehr kalte Luft wird in meine Lunge gezogen. Ich keuche. Meine Nase tropft. Meine Augen tränen noch mehr. Ich spühre meine Finger kaum noch. Meine Zehen sind kalt, meine Füße sind nass, ich weiß nicht woher. Sie sind einfach nass und sie sind kalt. Hier macht der Weg einen kleinen Knick. Warum macht der Weg hier einen Knick? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Weg jemals einen Knick gemacht hat. Hab ich ihn bei Tageslicht nie wahrgenommen? Es ist merkwürdig. Ich habe ein ungutes Gefühl. Ich trete nochmals schneller. Und hier, ein zweiter Knick. Also das kommt mir sehr seltsam vor. Daran würde ich mich doch erinnern. Wo bin ich? Ach wenn ich doch nur etwas sehen würde. Ich nehme flüchtig die Umrisse der Bäume wahr, die an mir vorbeiziehen. Diese großen mächtigen Bäume in diesem uralten Wald. Der Weg wird enger, auch das kommt mir unbekannt vor. Wirkt der Weg nur enger, da ich umhüllt bin von der schwarzen Nacht? Scheint der Weg bei Tageslicht einfach nur breiter? Ich spüre rechts und links an meinen Händen Äste und Blätter. Der Weg ist so schmal, dass die Büsche an den Seiten meine Hände streifen. Ich versuche meine kalten Hände noch fester an den Lenker zu klammern. Da, in der Ferne sehe ich ein Licht. Zwei Lichter. Sie kommen von rechts. Ich kann sie durch den dichten Wald erkennen. Sie kommen von rechts angerast und rauschen vor mir vorbei und verschwinden im Dunkeln zu meiner Linken. Ein Auto? Das muss ein Auto gewesen sein. Was macht ein Auto hier im Wald? Wie kann ein Auto mit so hoher Geschwindigkeit durch den Wald fahren? Eine Straße! Es kann so schnell nur auf einer Straße gefahren sein. Aber hier ist keine Straße! Ich bin mir sicher. Jetzt bin ich mir aber wirklich sicher. Hier im Wald gibt es keine Straße. Ich schätze das Auto ist ungefähr einen Kilometer vor mir vorbei gerauscht. Aber da gibt es keine Straße. Niemals gab es da eine Straße. Es ist wieder dunkel. Es ist wieder so dunkel, dass ich mir einrede, mir die Lichter nur eingebildet zu haben. Ich bin hier falsch sagt mein Bauch, ich will hier weg sagt mein ganzer Körper. Ich darf nicht anhalten, ich muss weiterfahren. Ich muss einfach immer weiterfahren. Raus aus dem Wald, dann wird es hell werden und ich werde wissen wo ich bin. Einfach immer weiterfahren. Ich will noch schneller fahren. Irgendetwas gibt mir Kraft. Ich trete in die Pedalen. Es hebt mich. Es stoppt mich. Mein Vorderreifen wird blockiert. Ich kann nicht denken. Es geht so schnell. Mein Vorderreifen, er kann nicht weiter. Irgendetwas ist da. Ich war so schnell, viel zu schnell. Das Hinterrad hebt sich. Ich stürze Kopf über zu Boden. Ich stürze vom Fahrrad und falle zu Boden. Meine Hände, ich kann sie nicht ausstrecken. Meine Hände. Sie umklammern immer noch den Lenker. Ich kann mich nicht auffangen. Ich kann den Sturz nicht abfangen. Ich stürze zu Boden.

Ich öffne meine Augen. Ich kann nichts sehen. Wo bin ich? Es ist kalt. Ich zittere am ganzen Körper. Mit jedem Atemzug muss ich husten. Das Husten schmerzt in meiner Brust. Das Husten pocht in meinem Kopf. Ich will mich aufsetzen. Es geht nicht. Etwas liegt auf mir. Mein Atem steigt an. Ich atme immer schneller. Mein Fahrrad, mein Fahrrad liegt auf mir. Ich schiebe es zur Seite. Ich will aufstehen. Ich muss aufstehen, ich setze mich aufrecht hin. Mein Kopf schmerzt. Es sind höllische Schmerzen. Ich stehe auf, so schnell ich kann und schnappe mein Fahrrad. Meine Finger. Sie tun so weh. Es ist so schwer, das Fahrrad aufzuheben. Wie bin ich hingefallen? Ich weiß es nicht. Nicht nachdenken. Weg hier. Ich muss ganz schnell weg hier. Ich stehe doch mir ist schwindelig. Ich steige auf mein Fahrrad. Ich will losfahren doch es geht nicht. Ich kann nicht losfahren. Ich kann nicht treten. Die Pedale sind verhakt. Ich kann sie nicht bewegen. Ich sehe nichts. Ich sehe nicht was kaputt ist. Ein Stock. Vielleicht steckt etwas dazwischen. Ich taste alles ab. Ich kann nichts spüren. Ich versuche mit der Hand die Pedale zu drehen, doch es geht nicht. Da! Was ist das? Oh nein. Die Kette. Die Kette muss gerissen sein. Ich taste noch einmal. Die Kette. Die Kette ist kaputt. Sie hat sich verkantet. Ich kann das nicht reparieren. Nicht hier, ich sehe nichts. Ich weiß nicht genau was kaputt ist. Ich schiebe mein Fahrrad. Ich umgreife den Lenker ganz fest mit meinen Fingern und laufe los. Ich versuche zu rennen, doch es geht nicht. Meine Beine sind so schwer von der Kälte, mein Kopf hämmert, meine Hände können den Lenker nicht richtig halten und das Fahrrad lässt sich nicht gut schieben. Das Fahrrad. Ich muss es hier lassen. Ich will es nicht hier lassen. Es ist kaputt. Vielleicht sehe ich was kaputt ist, wenn ich aus dem Wald draußen bin. Wenn es heller ist. Dann kann ich es vielleicht reparieren. Dann bin ich vielleicht doch noch schneller zu Hause. Es geht nicht. Ich kann das Fahrrad nicht mehr schieben. Es fällt um. Meine Hände halten den Lenker fest umklammert. Ich falle mit. Ich falle mit dem Fahrrad um. Ich falle mit den Knien auf mein Fahrrad. Mein Handgelenk knickt um. Ich rutsche mit dem Arm ab. Es knackt. Das ist ein Schmerz. Der Schmerz zieht aus meinem Handgelenk in meinen Arm. Mein ganzer Arm schmerzt. Ich kann die Hand nicht mehr bewegen. Es tut weh. Alles tut weh. Ich weine. Ich fange an zu weinen. Ich schreie. Ich will hier weg. Ich will hier einfach nur noch weg. Ich schreie so laut ich kann. Ich muss husten. Ich schreie und huste. Ich kann nicht mehr schreien. Ich will schreien, aber es geht nicht. Es kommt kein Ton aus meinem Mund. Ich laufe los. Ich laufe so schnell ich kann. Ich halte mit meiner linken Hand, mein rechtes Handgelenk. Es schmerzt. Immer wieder greife ich zu meinem Kopf. Auch dieser schmerzt. Die Schmerzen ziehen von meinem Kopf in meinen Nacken. Ich kann meinen Kopf kaum bewegen. Doch immer wieder drehe ich ihn um. Ich reiße ihn rum. Jedes Mal sind es höllische Schmerzen die meinen Nacken entlang schießen. Doch immer wieder schau ich zurück. Ich kann nichts sehen und nichts hören. Ich höre nur meinen Atem. Mein Keuchen. Ich spüre Schmerzen. Auch meine Knie schmerzen. Ich bin auf mein Fahrrad gefallen. Bestimmt habe ich blaue Flecken an den Knien. Warum bin ich nicht dort geblieben? Ich bereue es. Ich bereue alles. Ich versuche zu rennen. Ich bin so müde. Ich kann nicht mehr laufen, doch ich zwinge mich weiterzulaufen. Ich zwinge mich zu rennen. Immer weiter. Es geht hoch. Einen Meter vielleicht, ziemlich steil. Ich muss fast klettern, doch es klappt. Ich will weiterlaufen. Hier ist die Straße. Hier muss das Auto vorhin gefahren sein. Soll ich die Straße weiterlaufen? Nach rechts oder nach links? Nur nicht wieder in den Wald. Ich laufe auf die Straße. Ich laufe bis in die Mitte. Ich laufe ein Stück nach rechts. Ich laufe ein Stück nach links. Wohin soll ich nur laufen? Ich weiß nichts mehr. Da sehe ich Lichter. Das muss ein Auto sein. Soll ich mich bemerkbar machen? Soll ich mich verstecken? Ist es ein gutes Zeichen oder nicht? Ich kann mich nicht entscheiden. Ich will mich verstecken. Ich will hier nicht gesehen werden. Wer weiß wer das in dem Auto ist? Ich will zur Seite laufen. Will mich am Straßenrand verstecken. Da sind die Scheinwerfer schon unmittelbar vor mir. Ein wuchtiger Schlag in meinen Unterleib. Es schleudert mich hoch. Ich weiß nicht was gerade passiert, da lande ich mit einem gewaltigen Schlag auf dem harten Asphalt.

Ich öffne meine Augen. Ich kann meinen Kopf nicht bewegen. Ich kann meine Arme nicht bewegen. Und meine Beine spüre ich nicht mehr. Ich kann nicht aufstehen. Wo bin ich denn? Es ist so kalt hier. Ich spüre ein Hämmern in meinem Kopf. Mein Kopf ist nass. Ich muss wohl in einer Pfütze liegen. Ich versuche zu atmen, doch ich keuche nur noch. Ich bekomme keine Luft mehr. Noch mal versuche ich meinen Kopf zu bewegen. Ganz leicht nach rechts, ganz leicht nach links. Da war doch ein Auto. Wo war das Auto hin? Warum hat man mich hier alleine liegen lassen? Wo war mein Fahrrad? Warum war ich hier auf einer Straße? Ich kann mich nur noch flüchtig an einzelne Teile erinnern. So viele Dinge rasen mir durch den Kopf. Es ist so kalt und so dunkel. Ich versuche noch einmal meine Arme zu bewegen. Es geht nicht. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich kann nichts mehr. Ich kann nicht einmal mehr sehen mit meinen eigenen Augen. Ich liege nur noch da. Weiß nicht ob es noch dunkel ist oder ob es schon hell wurde. Ich bin ganz starr. Starr, Kalt und Tot.

Ich weiß nicht weshalb ich von meinem Weg abkam. Ich weiß nicht, weshalb ich mit meinem Fahrrad gestürzt bin. Ich weiß nicht wo diese Straße herkam und wohin sie führte. Ich weiß nicht ob meine Familie mich gefunden hat. Ich weiß das alles nicht. Ich wollte in dieser Nacht doch nur nach Hause fahren, doch ich bin in dieser Nacht nicht zu Hause angekommen und ich werde auch niemals mehr zu Hause ankommen. Denn nun bin ich hier.

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>