Verloren

Der Bus hält an. An der letzten Haltestelle habe ich schon überlegt auszusteigen, aber ich blieb machtlos sitzen. Machtlos zu handeln. Wenn ich aussteige, was dann? Ich weiß ja nicht mal was da draußen los ist. Die Fenster sind verdunkelt und man kann nichts sehen. Es ist ein blindes Fahren und es wäre ein ebenso blindes Aussteigen. Ich kann nicht sagen, dass es hier im Bus gemütlich ist. Ganz im Gegenteil. Es ist stickig, es ist dunkel, ich bin umringt von Menschen. Viel zu viele Menschen. Sie drängen sich dicht aneinander. Sie schwitzen und riechen. Sie reden laut, einige flüstern. Ich seh sie an und ich weiß, dass sie über mich reden. Fürchterlich dieses heimliche über andere Reden. Fürchterlich diese Heimlichtuerei. Sie drehen sich weg. Ich weiß genau was los ist und doch bin ich ahnungslos. Ich fühle mich von Allen beobachtet, dabei schauen manche gar nicht in meine Richtung. Ich fühle mich nackt. Nackt und leer. Eingesperrt in der Enge. Einsam in der Fülle von Menschen. Zu viele Menschen. Ich kenne die Meisten und doch sind sie mir fremd. Der Eine da, der in der Nähe der Tür steht – jetzt sieht er wieder weg und redet mit einem Fremden – er ist mir so vertraut, aber auch er weiß nicht was zu tun ist. Keiner scheint es zu wissen. Die Menschen sind so verschieden und doch haben wir etwas gemeinsam. Wir sind in einem Bus und wir wissen nicht den Weg und wir können nicht hinausschauen. Der Bus fährt weiter. Wieder sind Menschen eingestiegen. Eine Frau blutet am Kopf. Ein Junge ist ausgestiegen, aber er ist auch der Einzige der diesen Schritt gewagt hat. Vielleicht war es kindliche Naivität, die ihn zu diesem Schritt bewegt hat. Aber eigentlich will auch ich hier raus, egal was draußen ist. Hier komm ich mir so beobachtet vor, als würde mich jeder kennen und ich keinen. Hier bin ich fehl am Platz. Ein Fremder im Kreise von Freunden. Der Eindringling! Ich bewege mich auf die Tür zu und plötzlich verstummen alle Gespräche. Jetzt starrt wirklich jeder auf mich. Ich bin jetzt kurz vor der Tür, da ist die vertraut wirkende Person. Ich seh sie an, sie sieht zurück und nickt, dann blickt sie wieder weg. Es herrscht noch immer absolute Stille als der Bus wieder zum Stillstand kommt.

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>